Über das Hören

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Über das Hören

 

Selbst Musiker machen sich über das Hören oft erst Gedanken, wenn sie offensichtliche Probleme damit haben.

Was wir hören, scheint die objektive Realität zu sein, die durch eine Art Fenster zur Welt in uns hineinkommt.

 

Was nehmen Sie wahr, wenn Ihnen jemand eine spannende Geschichte in einer unbekannten Sprache vorliest?

Die meisten Mensch sind sich des Sehens bewusster und es ist im Prinzip genau wie beim Hören:

Was sehen Sie, wenn sie auf chinesische Schriftzeichen oder einen elektronischen Schaltplan schauen?

Warum ist der Fleck an der Wand unübersehbar, seit sie ihn entdeckt haben - er war schon lange vorher da.

 

Wenn ich Ihnen auf einem 19ton Instrument eine vertraute Melodie vorspiele, hören Sie die vertraute Melodie.

Man hat Buschmänner einer Beethoven-symphonie ausgesetzt und es war für sie nur erschreckendes Getöse.

Für viele Europäer ist arabische Musik ein unerträgliches Gejaule und die hochdifferenzierten Rhythmen afrikanischer Musik klingen teils primitiv, teils wie wildes Durcheinander.

 

Wenn ich eine Sprache nicht beherrsche, klingt alles gleich oder ich seh nur einen Haufen sinnloser Striche.

Wenn ich in die Wolken schaue, seh ich Gesichter und kann im Rauschen des Windes leise Musik vernehmen.

Dieser Effekt tritt insbesondere bei starker Müdigkeit auf, wenn die Reizschwelle niedrig ist.

 

Alles, was ich wahrnehme ist bereits in mir - ein Sinnesreiz löst bereits vorhandenen Muster aus.

Im Umkehrschluss kann ich nicht wahrnehmen, was nicht in mir ist; ich nehme dann bereits bekanntes wahr, mit einem mehr oder weniger hohen Maß an Verwirrung, Irritiation, Ablehnung...

 

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OK, jeder hört anders - Blues klingt für viele Menschen immer gleich - für Fans ist das ein Kosmos... eine Klavierspieler nimmt ganz anders wahr als ein Geiger... aber irgendwas haben wir doch gemeinsam:

 

Schauen wir uns also mal die Grundlagen des Hörens an:

 

Mechanische Schwingungen der Luft treffen auf das Ohr.

Über ein ausgeklügeltes System von Membranen, Hebeln und einem aufgerollten Trichter reizen diese Schwingungen, nach Frequenz sortiert, eine Unzahl kleiner Tasthäarchen.

Diese sind bei tiefen und hohen Frequenzen eher dünn gesät und knubbeln sich in der Mitte.

An jedem Tasthaar hängt ein Nerv.

Als dicker Nervenstrang verschwinden sie in den Tiefen des Gehirns.

Tja, und dann wirds relativ unübersichtlich... und folglich mehr und mehr spekulativ.

 

Also am Anfang, quasi in der Hardware, findet etwas statt, dass einer Zerlegung der Luftvibrationen in Sinus-komponenten ähnelt... und dann werden, um bei diesem technisch-naiven und im Grunde irreführenden Modell zu bleiben, die aufbereiteten Rohdaten von einer ganzen Reihe weitgehend unabhängiger "Programme" weiterverarbeitet und deren Ergebnisse zum Schluss zu einer Gesamt-wahrnehmung synthetisiert...

 

So haben wir ein extrem feines Unterscheidungsvermögen für fast gleiche Frequenzen.

Bei gleichzeitig erklingenden Tönen ist das die Grundlage des harmonischen Hörens.

 

Noch feiner ist unser Unterscheidungsvermögen für minimale Veränderungen der Tonhöhe in der Zeit.

Sicher kennen Sie den Doppler-effekt: Nähert sich eine Schallquelle, steigt die Frequenz.

Entfernt sie sich, sinkt diese; das gilt auch für Schallreflektionen. Bei Blinden (oder Klavierstimmern) kann diese Wahrnehmung so ausgeprägt sein, dass man damit fast sehen kann.

Interessant ist ein Nebeneffekt: gezupfte Saiten produzieren fallende Töne - sie klingen ungefährlich, da sie quasi von uns wegspringen; Blasinstrumente haben oft steigende Töne, die leicht als bedrohlich oder aufregend empfunden werden. Gitarren- oder Harfenklänge eignen sich gut für Entspannungsmusik.

 

Ganz andere Vorlieben hat das melodische Hören; es scheint in der Stammesentwicklung sehr viel jünger zu sein und bevorzugt logarithmisch gleichmäßige Tonabstände. Wir sind kulturbedingt die Abstände des 12stufigen Systems gewohnt. Die Umstellung auf ein anderes System, speziell auf das von mir entwickelte, fällt vielen gar nicht auf; andere empfinden es im ersten Moment als schief, auch wenn ich rein tonal spiele.

Dieser Effekt verschwindet bei den meisten sehr schnell und tritt dann mit umgekehrten Vorzeichen beim Zurückwechseln auf das 12stufige System auf.

 

Dritteltöne werden manchmal ganz natürlich als spannungsreiche Leittöne empfunden; in anderem Kontext als orientalisch-exotisch. Unser melodischen Hören ist sehr flexibel und passt sich schnell an, wenn der Hörer keine ausgesprochene Abwehrhaltung aufbaut.

 

Viele kennen das Gehirnmännchen:

So ähnlich verhält es sich beim Hören auch.

Minimale Tonhöhenschwankungen werden massiv überzeichnet.

Anderes verstärkt sich durch Gebrauch; wenn Sie z.B. viel Blues hören, oder vielleicht chinesische Musik, wo bewusst mit den Tonhöhen gearbeitet wird, werden Sie das ganz anders wahrnehmen, als jemand der Pop-musik oder Techno hört, wo selbst die Singstimmen-frequenzen per Computer plattgebügelt werden... Autotune ist in meinen Ohren die übelste Errungenschaft, der Nadir der westlichen Musikkultur...

 

Wir hören Musik nicht nur mit dem Ohren; der gesamte Körper und auch alle Bereiche des "Geistes" sind involviert. So bilden sich verschiedenste Spannungen der Musik im Muskeltonus ab. Besonders gut wahrnehmbar beim still-sitzenden zuhören.

Tanzen und Bewegen sind bei Musik eigentlich naheliegender...

Wenn Sie selber aktiv singen, wir ihr Stimmapparat entsprechende Teile der Musik spiegeln....

Es treten Drüsen in Tätigkeit etc. etc. etc.

Was genau passiert, ist individuell und kulturell unterschiedlich und das meiste findet unbewusst statt.

 

Eigentlich erstaunlich, dass unser Höreindruck i.A. so "einheitlich" ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Michael Schmidt Trierer Str.49 53909 Zülpich Tel. 02252 81259 Mobil 0178 1530 967 ibau19@gmx.de